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Lerntransfer Schweigen Nicht-Handeln

Vor dem nächsten Training:
5 Fragen, die Sie zuerst beantworten sollten

Betina Hubrich
Betina Hubrich
Inhaberin von TEAM SiNNRE!CH
17. April 2026
7 Min. Lesezeit

Nur 10 bis 20 Prozent des Gelernten wird tatsächlich am Arbeitsplatz angewendet (Baldwin & Ford, 1988; Brinkerhoff, 2006). Nicht weil das Training schlecht war — sondern weil die Bedingungen für Transfer of Training (Lerntransfer) fehlen. Und weil niemand darüber spricht, dass es nicht funktioniert. Diese fünf Fragen helfen Ihnen, das zu ändern — bevor Sie den nächsten Workshop buchen.

Training und Workshop — Lerntransfer sichern

Stellen Sie sich vor: Sie investieren 30.000 Euro in ein Führungskräfte-Training. Zwei Tage, externe Trainer, gutes Hotel. Die Teilnehmenden sind begeistert. Die Zufriedenheitswerte liegen bei 4,6 von 5. Alle gehen motiviert zurück an den Arbeitsplatz.

Sechs Wochen später: Alles ist wie vorher. Die neuen Methoden werden nicht angewendet. Die Erkenntnisse sind verblasst. Die Motivation ist verflogen. Und niemand kann Ihnen sagen, warum. Genauer: Niemand sagt es Ihnen — obwohl viele es wissen. Das ist kein Zufall. Es ist ein Muster.

Hier zeigen sich beide Phänomene, die wir in unserer Arbeit mit dem VOICE & ACT CODE® immer wieder sehen: Schweigen — niemand sagt, dass das Training am Bedarf vorbeiging, dass die Inhalte nicht zum Alltag passen, dass die Umsetzung unrealistisch ist. Und Nicht-Handeln — die guten Vorsätze lösen sich im Alltag auf, das Gelernte wird nicht angewendet, der Transfer findet nicht statt. Beides zusammen macht Trainings wirkungslos — und teuer.

Von den 30.000 Euro waren bis zu 27.000 Euro wirkungslos.

Leerer Seminarraum nach dem Training — Lerntransfer scheitert

Das Training war gut. Der Transfer scheitert trotzdem. Warum?

Das ist kein Ausnahmefall. Das ist der Normalfall. Die Forschung zeigt es seit über 40 Jahren: Nur 10 bis 20 Prozent des Gelernten wird tatsächlich in die Praxis übertragen (Baldwin & Ford, 1988). Brinkerhoff (2006) bestätigt: Weniger als 20 Prozent der Teilnehmenden wenden das Gelernte nachhaltig an. Nicht weil die Inhalte schlecht waren. Sondern weil die Bedingungen für Transfer fehlen — und weil das Schweigen darüber und das Nicht-Handeln danach systemisch sind.

Bevor Sie das nächste Training buchen, beantworten Sie diese fünf Fragen. Wenn Sie auf eine davon keine klare Antwort haben, ist das Training wahrscheinlich Geldverschwendung.

80-90%

des Gelernten wird nicht angewendet

Baldwin & Ford, 1988

<20%

wenden Gelerntes nachhaltig an

Brinkerhoff, 2006

Frage 1: Verstehen Ihre Mitarbeitenden, WARUM sie das Gelernte anwenden sollen?

Nicht abstrakt. Nicht auf der Folienebene. Sondern konkret: Was bedeutet das Gelernte für meinen Arbeitsalltag? Was ändert sich für mich persönlich? Welches Problem löst es, das ich tatsächlich habe?

Wenn die Antwort „Das wurde im Training erklärt“ lautet — dann haben Sie ein Problem. Denn Erklärung ist nicht Verständnis. Und Verständnis auf der Wissensebene ist nicht Verständnis auf der Handlungsebene.

„Ich verstehe klar, wie ich das Gelernte in meinem Alltag anwenden kann.“

— Die Aussage, die Ihre Teilnehmenden mit Überzeugung bestätigen müssen

Im VOICE & ACT CODE® ist das die ERKENNEN-Dimension. Ohne konkretes Verständnis bleibt Veränderung abstrakt — und abstrakte Dinge werden nicht umgesetzt.

Frage 2: Fühlen sich Ihre Mitarbeitenden sicher genug, das Neue auszuprobieren?

Neues ausprobieren bedeutet Fehler machen. Fehler machen bedeutet sichtbar werden. Sichtbar werden bedeutet angreifbar sein. Wenn Ihre Kultur Fehler bestraft — auch subtil, auch unausgesprochen — wird niemand das Gelernte anwenden. Amy Edmondson zeigte 1999 in ihrer Forschung zu Psychological Safety (psychologische Sicherheit), dass Teams nur dann lernen und sich weiterentwickeln, wenn sie sich sicher genug fühlen, Risiken einzugehen.

Die Führungskraft, die im Training gelernt hat, „mehr zuzuhören“, wird das nicht tun, wenn sie befürchtet, als schwach wahrgenommen zu werden. Der Mitarbeiter, der im Workshop gelernt hat, „proaktiv Feedback zu geben“, wird schweigen, wenn er beim letzten Mal dafür abgewatscht wurde. Hier greifen Schweigen und Nicht-Handeln direkt ineinander: Die Angst vor Konsequenzen erzeugt Schweigen — und das Schweigen verhindert die Anwendung des Gelernten.

Team mit psychologischer Sicherheit — Voraussetzung für Lerntransfer

Psychologische Sicherheit ist die Voraussetzung für Transfer. Ohne sie bleibt Wollen Theorie.

Im VOICE & ACT CODE® ist das die SPÜREN-Dimension. Ohne emotionale Sicherheit bleibt alles beim Alten.

Frage 3: Wollen Ihre Mitarbeitenden das Gelernte anwenden — oder müssen sie?

Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Compliance und Commitment. Compliance heißt: Ich mache es, weil ich muss. Commitment heißt: Ich mache es, weil ich will. Deci und Ryan beschrieben 1985 in ihrer Self-Determination Theory (Selbstbestimmungstheorie), dass intrinsische Motivation drei psychologische Grundbedürfnisse erfordert: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.

Compliance erzeugt Anwesenheit im Training. Commitment erzeugt Anwendung im Alltag. Wenn Ihre Mitarbeitenden im Training sitzen, weil „die Geschäftsführung es angeordnet hat“ — dann haben Sie Teilnehmende, aber keine Lernenden.

Compliance

„Ich sitze hier, weil ich muss. Ich nicke, mache mit, und Montag ist alles wie vorher.“

Commitment

„Ich will das anwenden, weil ich den Nutzen für mich und mein Team erkenne.“

Im VOICE & ACT CODE® ist das die WOLLEN-Dimension. Ohne intrinsische Motivation wird genickt, aber nicht gehandelt.

Frage 4: Haben Ihre Mitarbeitenden Zeit und Raum, das Gelernte anzuwenden?

Die ehrlichste Frage von allen. Und die, die am häufigsten mit „Natürlich!“ beantwortet wird — und am häufigsten gelogen ist.

Wenn Ihre Führungskraft nach dem Kommunikationstraining zurück an den Schreibtisch kommt und dort 200 E-Mails, drei Krisen und ein Meeting-Marathon warten — wann genau soll sie die neuen Gesprächstechniken anwenden? Wenn Ihr Team nach dem Agilitäts-Workshop zurück in eine Struktur geht, die agiles Arbeiten nicht unterstützt — was genau haben Sie verändert?

„Ich habe im Alltag ausreichend Zeit, das Gelernte anzuwenden und zu üben.“

— Wenn weniger als 50% Ihrer Teilnehmenden das bestätigen, liegt das Problem nicht im Training

Im VOICE & ACT CODE® ist das die KÖNNEN-Dimension. Ohne organisationale Ermöglicher ist Motivation Frust. Wollen ohne Können bleibt wirkungslos.

Frage 5: Messen Sie Transfer — oder nur Zufriedenheit?

Die meisten Organisationen messen nach einem Training genau eine Sache: Wie zufrieden waren die Teilnehmenden? Der berühmte Happy Sheet am Ende des Seminars. 4,6 von 5 Sternen. Wunderbar.

Aber Zufriedenheit misst nicht Transfer. Ein unterhaltsamer Trainer mit gutem Catering erzeugt hohe Zufriedenheitswerte. Das sagt nichts darüber aus, ob sechs Wochen später irgendetwas anders gemacht wird. Und hier zeigt sich das Schweigen besonders deutlich: Niemand sagt der Personalabteilung, dass das Training nicht gewirkt hat. Niemand gibt zu, dass die neuen Methoden nie angewendet wurden. Das Nicht-Handeln bleibt unsichtbar — weil niemand danach fragt.

Transfer messen statt Zufriedenheit — Lerntransfer-Wirksamkeit

Transfer messen bedeutet: Fragen Sie nicht, ob das Training gut war. Fragen Sie, was sich danach verändert hat.

Was Sie stattdessen messen sollten

1. Verstehen — Können Teilnehmende konkret beschreiben, wie sie das Gelernte anwenden werden?

2. Sicherheit — Fühlen sie sich sicher genug, Neues auszuprobieren?

3. Motivation — Wollen sie es anwenden — aus eigenem Antrieb?

4. Bedingungen — Ermöglicht der Alltag die Anwendung?

5. Verhalten — Hat sich 6 Wochen später tatsächlich etwas verändert?

Warum alle vier Dimensionen gleichzeitig greifen müssen

Die fünf Fragen adressieren die vier Dimensionen des VOICE & ACT CODE®. Und diese Dimensionen wirken nicht additiv — sie wirken multiplikativ.

Die multiplikative Wirkung

Wirksamkeit entsteht nur, wenn ERKENNEN, SPÜREN, WOLLEN und KÖNNEN gleichzeitig greifen.

Das bedeutet: Wenn auch nur eine Dimension schwach ist — etwa weil die Strukturen Transfer verhindern, obwohl Verstehen, Sicherheit und Motivation vorhanden sind — dann bricht die Gesamtwirksamkeit ein. Kein Transfer. Egal wie gut das Training war. Mehr dazu erfahren Sie auf der Programmseite.

Das ist der Grund, warum Gießkannen-Trainings nicht wirken. Sie adressieren eine Dimension — meistens ERKENNEN — und ignorieren die drei anderen.

Was Sie konkret tun können — bevor Sie das nächste Training buchen

Bevor Sie das nächste Training buchen:

1. Diagnose vor Intervention. Finden Sie heraus, wo der Transfer scheitert — nicht raten, messen. Der Lerntransfer-Check liefert in 20-25 Minuten ein klares Bild.

2. Bedingungen schaffen, bevor Sie trainieren. Wenn die KÖNNEN-Dimension blockiert ist, ist jedes Training Geldverschwendung. Schaffen Sie zuerst die Strukturen.

3. Transfer sichern, nicht nur Wissen vermitteln. Was passiert am Montag nach dem Workshop? Wer begleitet die Umsetzung? Wer fragt nach 6 Wochen nach?

4. Wirksamkeit messen, nicht Zufriedenheit. Ersetzen Sie den Happy Sheet durch eine Transfer-Messung.

5. Schweigen adressieren. Fragen Sie: Was hindert Sie daran, das Gelernte anzuwenden? Und hören Sie zu, wenn die Antwort unbequem ist.

Der nächste Schritt ist nicht mehr Training

Der nächste Schritt ist: Verstehen, was Transfer verhindert. Die fünf Fragen geben Ihnen eine erste Orientierung. Der Lerntransfer-Check gibt Ihnen Daten.

„Das Ergebnis zeigt Ihnen nicht, ob das Training gut war — sondern was danach noch fehlt, damit die Investition wirklich wirkt.“

— Betina Hubrich, Entwicklerin des VOICE & ACT CODE®

Trainings sind nicht das Problem. Der fehlende Transfer ist das Problem. Und Transfer hat messbare Ursachen — auf vier Dimensionen, die alle gleichzeitig greifen müssen. Wenn Ihre Organisation dazu schweigt und nicht handelt, bleibt jede Trainingsinvestition ein Kostenfaktor statt ein Wertschöpfungshebel.

Wenn Sie auf eine der fünf Fragen keine klare Antwort haben — dann wissen Sie jetzt, wo Sie anfangen müssen. Nicht mit einem Training. Sondern mit einer Diagnose.

Wissen statt Vermuten.

Der Lerntransfer-Check zeigt in 20-25 Minuten, wo Transfer scheitert — und was dagegen wirkt.

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Betina Hubrich

Inhaberin von TEAM SiNNRE!CH

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